Ratgeber Zystennieren ADPKD

«Es gab kein solches Buch.
Noch nicht.»

Ein Interview mit den Autoren über die Entstehung eines besonderen Buches — geschrieben von einem Arzt und einer betroffenen Patientin.

Prof. Serra
Prof. Dr. med. Andreas Serra
Nephrologe, Klinik Hirslanden Zürich
RB
Rosi Brack (Pseudonym)
Betroffene Patientin, Co-Autorin

Interview vom Februar 2021. Rosi Brack ist ein Pseudonym. Das Interview entstand im Rahmen der Veröffentlichung des Ratgebers «Zystennieren ADPKD» beim Hogrefe Verlag.

Herr Prof. Dr. Serra, Frau Brack — dass ein Arzt und eine Betroffene zusammen ein Buch verfassen, ist eher ungewöhnlich. Wie kam es zu diesem Projekt?

RB
Rosi Brack

Auslöser war ein Erfahrungsaustausch über das damals einzige zugelassene Medikament zum Verlangsamen der Erkrankung ADPKD. Dieses Medikament war seit Juni 2015 in Deutschland zugelassen, und in der Schweiz stand 2016 die Zulassung bevor.

AS
Prof. Dr. med. Andreas Serra

Ich hatte über den deutschen Patientenverein PKD e.V. angefragt, ob jemand aus Deutschland bei uns in Zürich unseren Patient*innen über die Erfahrungen mit diesem Medikament berichten würde.

RB
Rosi Brack

Diese Anfrage habe ich gelesen und mich für einen Besuch im Oktober 2016 in Zürich gemeldet. Parallel dazu stellte ich viele Fragen an Professor Serra — in mehreren Mails pro Woche. Irgendwann hatte ich das Gefühl, ich frage dir Löcher in den Bauch. Da bat ich dich, mir Literatur zu nennen, die ich mir selbst besorgen kann.

AS
Prof. Dr. med. Andreas Serra

Aber es gab kein solches Buch. Noch nicht.

RB
Rosi Brack

Das war deine Antwort — mit dem Zusatz: «das wäre noch was für uns». Ich war verblüfft. Auf unzähligen Merkzetteln notierte ich Stichworte und mailte dir meine Ideen zu einem Buch.

AS
Prof. Dr. med. Andreas Serra

Daraus hat sich eine Zusammenarbeit entwickelt, aus der in gut zwei Jahren das vorliegende Buch entstanden ist.

Welche Symptome sind bei ADPKD typisch, wie wird die Krankheit erkannt?

AS
Prof. Dr. med. Andreas Serra

Das häufigste früh auftretende Symptom ist ein zu hoher Blutdruck. Oft treten unerklärliche Schmerzen im Bauchraum auf. Die Zysten werden oft als Zufallsbefund entdeckt. Eine einfache Ultraschalluntersuchung der Nieren zeigt deutlich, ob Zysten vorhanden sind — so ist eine eindeutige Diagnose möglich.

Auf was muss man als Patient*in besonders achten?

AS
Prof. Dr. med. Andreas Serra

Den Blutdruck gut einstellen ist zentral. Dann gilt es, gesund zu leben, nicht zu rauchen und sich zu bewegen. Patient*innen haben ein erhöhtes Risiko für Hirnaneurysmen — wir empfehlen eine MRI-Untersuchung des Schädels. Ausserdem ist das Vermeiden von NSAR-Schmerzmitteln sehr wichtig.

Frau Brack, wie hat sich die ADPKD-Diagnose auf Ihr Familienleben ausgewirkt?

RB
Rosi Brack

Das war und ist ein schwieriges Thema. Ich wollte mich nicht in erster Linie als kranken Menschen sehen und weiterhin eine positive Lebenseinstellung ausstrahlen. Mir war wichtig, dass die Kinder nicht Angst bekommen. Sie sollen selbst entscheiden, ob und wann sie wissen wollen, ob sie ebenfalls betroffen sind.

AS
Prof. Dr. med. Andreas Serra

Ein solches Vorgehen empfehle ich meinen Patient*innen ebenfalls. Kinder haben das Recht, den Zeitpunkt zu bestimmen, wann sie Näheres wissen wollen — dazu gehört auch ihr Recht, nicht wissen zu wollen, ob sie betroffen sind.

Gibt es ein Medikament gegen die Krankheit?

AS
Prof. Dr. med. Andreas Serra

Ja, es gibt seit einigen Jahren eine Therapie. Die Krankheit kann noch nicht geheilt werden, aber durch Tolvaptan kann die Nierenfunktion im Durchschnitt um ein Drittel länger erhalten bleiben, und das Wachstum der Nieren wird um die Hälfte gebremst.

Was kann man tun, um den Lebensmut nicht zu verlieren?

AS
Prof. Dr. med. Andreas Serra

Wichtig ist das Bewusstsein, dass die Erkrankung nicht durchgehend das ganze Leben bestimmt. Die regelmässige ärztliche Überwachung hilft, bewusst zu erleben, dass die Krankheit oft nur langsam fortschreitet.

RB
Rosi Brack

Bewegung an der frischen Luft tut mir besonders gut. Ich habe einen besonderen Blick auf die Landschaft entwickelt — da bleibe ich plötzlich stehen und fotografiere schöne Blumen oder einen farbenfrohen Ausblick. Dazu kommt der rege Austausch mit anderen Betroffenen — viele erzählen von einer wunderbar positiven Lebenseinstellung, trotz oder gerade wegen der Krankheit.

Das vollständige Buch «Zystennieren ADPKD» von Prof. Dr. med. Andreas Serra und Rosi Brack ist beim Hogrefe Verlag erhältlich.

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